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Blick in die aktuelle ISRAEL Ausgabe

Auszeit in der Wüste Negev

Veröffentlicht am 23.03.2021

In der Wüste Negev gibt es mehr Tote durch Ertrinken als durch Verdursten, erzählen die Einheimischen. Regen verwandelt die Schluchten und Wadis in reißende Flüsse.
Foto: Avi Ohayon, gpo.In der Wüste Negev gibt es mehr Tote durch Ertrinken als durch Verdursten, erzählen die Einheimischen. Regen verwandelt die Schluchten und Wadis in reißende Flüsse. Foto: Avi Ohayon, gpo.Hier gibt es nichts. Und diese Nichts zeiht magisch an. Die Wüste Negev ist Sehnsuchtsort für Menschen, die auf der Suche nach Erholung sind, nach echter stille. Manche hoffen auch, hier sich selbst zu finden. Oder Gott. Irgendwie.

Im Winter ist Regensaison in Israel. Das heißt aber nicht, dass es tatsächlich jeden Tag regnet. In der Wüste Negev leuchtet auch zwischen Oktober und März der Himmel überwiegend strahlend blau.

An trockenen Winter- und Frühlingstagen ist die Wüste Negev ein blütenreiches Wanderparadies. Und nachts bietet die Wüste Negev einen atemberaubenden Sternenhimmel.

Aber Vorsicht: Nachts wird es sehr kalt. 

Was ist so anziehend am Urlaub in der Wüste Negev?

Viele Negev-Besucher sind Stammgäste. Ihre Antworten fallen ähnlich aus: Die Leere, könnte man es nennen. Die Wüstenfreunde schwärmen vom Nichts, das sich vor den Augen ausbreitet und der Stille, die über dieser kargen Einöde liegt.

Im Winter bietet die Wüste Negev ein bisschen mehr als im Sommer

Denn die Regensaison zaubert an manchen Tagen eindrucksvolle Wolkenformationen über die Wüste Negev, die sich im intensiven Licht der auf- und untergehenden Sonne in bunte Gemälde verwandeln. Atemberaubend schön.

Auch David Ben-Gurion liebte die Negev-Wüste

Zu den größten Wüste-Negev-Liebhabern gehörte ein bekannter, klein gewachsener Mann mit weißem Wuschelhaar: David Ben-Gurion. Der legendärer Staatsgründer des modernen Israel war Mitglied des in der Wüste Negev entstandenen Kibbuz Sde Boker und verbrachte dort seinen Ruhestand in verblüffend einfachen Verhältnissen in der nur wenige hundert Bewohner kleinen dörflichen Gemeinschaft. Sein Haus ist heute ein Museum.

Ließ Ben-Gurion den Blick von seinem Kibbuz aus in die Ferne schweifen, sah er nur Steine, Felsen und Sand. Doch wie in der Bibel verheißen, glaubte er daran, dass sich die Wüste Negev eines Tages in eine blühende Landschaft verwandeln würde. „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“, lautete ein bekanntes Lebensmotto des Politikers. Der Staatschef blieb der Wüste auch nach seinem Tode treu – wunschgemäß wurde er im Wüstenort Sde Boker begraben.

Israel ist es in den letzten Jahrzehnten tatsächlich gelungen, viele Gebiete des trockenen Landes in fruchtbares Ackerland und schattige Wälder zu verwandeln, allein über 260 Millionen Bäume wurden vom Jüdischen Nationalfonds angepflanzt.

Kleine Blume in der Wüste Negev zur Winterszeit. Foto: Gidon PicoKleine Blume in der Wüste Negev zur Winterszeit. Foto: Gidon PicoWüste Negev: Eine geradezu therapeutische Wirkung

Während Ben-Gurion die Leere der Wüste als Potenzial betrachtete, setzen andere Wüsten-Gäste andere Prioritäten. Sie glauben an eine geradezu therapeutische Wirkung, die man durch die unbezwungene Kargheit erleben könne.

Die Wüste Negev zieht Menschen an, die neue Lebensformen ausprobieren möchten. So entstand auch das kleine Kibbuz Neot Smedar rund 70 Kilometer nördlich von Eilat vor über 30 Jahren. Damals entschloss sich eine kleine Gruppe Männer und Frauen fernab der Zivilisation eine Gemeinschaft zu gründen, die liebevollen Zusammenhalt im Alltag lebt. Es geht nicht nur darum, Besitz zu teilen. Durch Beobachtung und Reflexion will man die Beziehungen untereinander erforschen und kontinuierlich verbessern.

Herausgekommen ist ein quirliges, buntes Künstlerdorf, dessen leicht skurrile, aber liebenswerten Bewohner sich von bioökologischer Landwirtschaft ernähren, das Wasser ihrer kleinen Quelle zu 100 Prozent recyclen, Strom selbst produzieren, eigenwillige Häuschen bauen, Kunst entwickeln und nebenbei ihr Konzept und ihren selbst angebauten Wein touristisch vermarkten. Einige Weine des kleinen Weinguts erhielten sogar internationale Auszeichnungen.

Kibbuz in der Wüste

In Neot Smedar wachsen laut Bekunden der Kibbuzbewohner die am südlichsten angebauten Trauben ganz Israels und der gesamten nördlichen Hemisphäre. Das trockene Klima kombiniert mit drastischen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht sorgen für die außergewöhnliche Weinqualität.

Im Mittelpunkt des kleinen Dorfes sorgt ein künstlerisch gestalteter Kühlturm als Blickfang, das „Haus der Künste“. Die Künstler des Kibbuz bieten hier regelmäßig verschiedene Kurse und Seminare für Dorfbesucher an.

Wer mehr von diesem kreativen Kibbuz und der lebendigen Gemeinschaft erfahren will, kann eine Besichtigungstour buchen oder sich in einem der wenigen Gästezimmer einquartieren. Rund 90 Erwachsene und 70 Kinder leben aktuell in Neot Smedar, die Kibbuznik werden vor Ort von rund 50 tatkräftigen Idealisten aus aller Welt unterstützt.

„So ein Tag in der Wüste erfrischt enorm“, bestätigt auch der deutsch-israelische Schriftsteller Chaim Noll. Er hat ihr sogar ein Buch gewidmet, das Anfang des Jahres in der Evangelischen Verlagsanstalt auf Deutsch erschienen ist: „Die Wüste. Literaturgeschichte einer Urlandschaft des Menschen“.

Chaim Noll war nacheinander in Berlin, Rom und Tel Aviv zuhause. Doch keine dieser Städte kam gegen die Wüste an. Heute lebt er in einem kleinen Ort mitten in der Wüste Negev. Hier spüre man, wie klein und schwach der Mensch in Wahrheit ist, wie verloren und verletzlich.

Chaim Nolls Sicht auf die Wüste Negev wird auch von der Heiligen Schrift geprägt. Der gläubige Jude ist fasziniert vom Gedanken, „dass es sich hier um die Wüste handelt, von der in der Tora die Rede ist. Also genau die Wüste, in der das Volk Israel 40 Jahre lang wandern musste, um die Qualifikation zu erlangen, das versprochene Land in Besitz zu nehmen“, verriet er einmal im Deutschlandfunk. Nur mit göttlicher Hilfe war das Überleben in dieser extrem lebensfeindlichen Umgebung für die Israeliten damals möglich.

Die Wüste wird zum Blumenmeer

Für Chaim Noll ist die Wüste deshalb ein Ort der Hoffnung und der Gottesbegegnung, des Sterbens und des Neubeginns. So wie dies im Winter am alljährlichen Blütenwunder zu erleben ist, wenn sich wenige Tage nach der erste Regenflut weite Teile der zuvor scheinbar toten Wüste in ein Meer aus Tulpen, Narzissen und anderen Blumen verwandeln.

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