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Haifa – Templer am heiligen Berg

Veröffentlicht am 15.12.2020

Typische Straße der German Colony, in   der die Templer einst lebten.
Foto: Itamar Grinberg, Israelisches TourismusministeriumTypische Straße der German Colony, in der die Templer einst lebten. Foto: Itamar Grinberg, Israelisches TourismusministeriumHaifas Geschichte ist voll mit: dem Meer, dem heiligen Berg Karmel, der Höhle des Elija und… deutschen Siedlern. Diese sogenannten Templer siedelten hier teilweise bis nach dem Zweiten Weltkrieg und sind fest mit der Geschichte der Stadt verwoben. Sie haben ihren Teil dazu beigetragen, dass die Stadt zu der wurde, die sie heute ist.

Von Sarah Lorenz

Haifa und die deutschen Siedler

Wenn man auf dem Berg Karmel steht, für den Haifa so berühmt ist, Richtung Meer blickt und die salzgeschwängerte Luft einatmet, dann fühlt man sich frei und zufrieden. So muss es den Templern ergangen sein, einer Gruppe christlicher Siedler aus Deutschland, als sie das erste Mal ihr neu erworbenes Grundstück betrachteten. Am Fuße des heiligen Berges, der in der Bibel eine besondere Rolle spielt, wollte die Tempelgesellschaft eine Kolonie errichten. Heute ist dieser Stadtteil Haifas als German Colony bekannt und lockt mit seinen vielen Cafés und Restaurants dazu, hier eine Weile zu bleiben. Auch schöne Hotels und Ferienwohnungen laden zu einem längeren Aufenthalt ein.

Als die Templer 1860 in Haifa ankam, war noch nichts von der großen Stadt zu erkennen, zu der das Dorf einmal heranwachsen würde. Gerade einmal auf rund 4000 Einwohner kam das kleine Haifa damals, die innerhalb der engen Stadtmauern auf relativ wenig Platz zusammenlebten.  Deshalb erwarben die Templer Grundstücke außerhalb der Stadtmauern – mit dem Ziel, eine Gemeinschaft zu bilden, die ganz im Sinne Gottes leben sollte.

Templer wollten im Sinne Gottes leben

Ins Heilige Land auszuwandern war schon immer das Ziel der Gruppe gewesen. In der Heimat hatte die christliche Glaubensgemeinschaft, deren Mitglieder dort allgemein als Templer bekannt waren, obwohl sie nichts mit den im Mittelalter entstandenen Tempelrittern zu tun hatten, Streit mit der protestantischen Kirche. Den Templern waren Dogmen, Sakramente, Bekenntnisse und Liturgie nicht wichtig.

Auf den Grundstücken bauten die Templer eine Straße zum Meer, die Carmel Avenue, die später in Ben Gurion Avenue umbenannt wurde. Auf beiden Straßenseiten wurden fünf Häuser gebaut mit der Absicht, mehr Häuser zu errichten, wenn man sich eingelebt hatte. Zusätzlich wurden am Straßenrand Bäume gepflanzt, damit die Templer, die sich jetzt Palästinadeutsche nannten, in den für sie ungewohnt heißen Sommermonaten Schatten hatten.

Am Anfang versuchten die Templer den Boden zu bewirtschaften, aber das erwies sich als schweres Unterfangen, das sich trotz harter Arbeit nicht richtig auszahlte. So widmeten sich die Templer bald einer lukrativeren Tätigkeit: Dem Ausbau des bisher nur spärlich vorhandenen Tourismus. Sie beteiligten sich am Bau einer Straße nach Nazareth und unterstützten die Einrichtung von Kutsch-Verbindungen zwischen Haifa-Nazareth und Akko. Zusätzlich errichteten die Templer im Zentrum ihrer Kolonie das Karmel-Hotel, ein für damalige Verhältnisse sehr modernes Hotel.Blick vom Berg Karmel auf die Haifa-Bucht.
Foto: Axel RingerBlick vom Berg Karmel auf die Haifa-Bucht. Foto: Axel Ringer

Obwohl Haifa am Meer liegt, war Jaffa damals der einzige Hafen in diesem Gebiet. Das änderte sich 1872, als an Haifas Strand die erste Mole gebaut wurde. Damit tat das Dorf einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung Großstadt. Und mit dem eigenen Hafen eröffnete sich nach einiger Zeit ein neues Geschäftsmodell: Der Uferbereich war sehr flach, so konnten größere Schiffe den Hafen nicht direkt anfahren, weil sonst Gefahr bestand, aufzulaufen. Also wurden die Passagiere von Einheimischen Fischern an Land geholt.

Anlässlich des Besuchs von Kaiser Wilhelm II am 25. Oktober 1898 in Haifa, ließ die Stadt eine weitere Mole errichten. Haifas Hafen spielte auch später eine große Rolle, als ab 1933 immer mehr jüdische Flüchtlinge aus Europa den Weg ins heutige Israel fanden.

Die jüdischen Einwanderer ließen sich in den unbesiedelten Ebenen, auf Sanddünen und in bislang unbewohnbaren Sumpfgebieten und Buchten nieder. Der wachsenden jüdischen Gesellschaft gelang es, eine Infrastruktur aufzubauen. Es entstanden ein gut funktionierendes Gesundheitswesen, Schulen und sogar eine Universität – das Technion in Haifa, das heute als eine der besten Universitäten der Welt gilt.   

Als 1914 der Ersten Weltkrieg ausbrach, wurden die wehrfähigen Templer eingezogen für das Deutsche Reich. Nachdem Palästina mit dem Ende des Ersten Weltkriegs zum britischen Mandatsgebiet erklärt wurde, mussten die verbliebenen Templer Haifa verlassen und in die ägyptischen Lager Sidi Bischr und Heluan gehen, wie wissenschaftliche Veröffentlichungen der Augsburger Universität zeigen. Nach zwei Jahren wurde den Templern erlaubt, wieder in die Kolonie zurückzukehren.

Templer: Haifas NSDAP-Ortsgruppe

Einige Jahre später erreichte Hitlers Propaganda die Templer – und fand begeisterte Anhänger. So kam es, dass in Haifa eine eigene Ortsgruppe der NSDAP entstand. Ihre Begeisterung für Nazi-Deutschland ruinierte die Beziehung zu ihrer jüdischen und britischen Umgebung. Viele Templer stimmten dem Judenhass zwar nicht zu, waren aber der Meinung, dass sich dieser im Laufe der Zeit schon abschwächen werde.

Einen Tag nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden alle wehrfähigen Palästinadeutschen unter 51 Jahren von jüdischen und englischen Polizisten nach Akko gebracht und interniert, um zu verhindern, dass die Templer der deutschen Armee beitreten oder im Land selbst Schaden anrichten. Den in Haifa gebliebenen Siedlern war es verboten, die Kolonie zu verlassen. Sie mussten ihre Geschäfte schließen. Im Dezember 1939 mussten auch die restlichen Templer Haifa schließlich verlassen und wurden in Internierungslager gebracht.

Templer in Australien

Trotz ihrer Bekenntnis zu Hitler wurden die Templer laut Recherchen der Augsburger Universität in den Lagern gut behandelt. Jedoch durften nicht alle von ihnen im Heiligen Land bleiben: 665 Palästinadeutsche wurden noch während des Krieges in Zügen erst nach Ägypten und dann mit dem Schiff nach Australien in ein Internierungslager gebracht. Nachdem der Zweite Weltkrieg endete, nahmen viele der Templer das Angebot der Australischen Regierung an, im Land zu bleiben. Sie gründeten dort eine neue Tempelgesellschaft, die es neben der Tempelgesellschaft in Deutschland noch heute gibt. Andere versuchten, wieder in ihr altes Leben zurückzukehren, was aber misslang. Sie waren im Heiligen Land verständlicherweise nicht mehr willkommen. Jüdische Trupps besetzten im April 1948 die Siedlung der zurückgekehrten Palästinadeutschen, es kam zu Toten und Verletzten. Die britische Regierung brachte die Templer anschließend in ein Camp für deutsche Displaced Persons auf Zypern.

Haifa ist heute vor allem für seine Strände und die Baha´i Gärten bekannt. Bedeutende Persönlichkeiten zählen zu Haifas Einwohner, etwa der Biochemiker Aaron Chiechanover, der 2004 zusammen mit Avram Hershko und Irwin Rose den Nobelpreis für Chemie erhielt.

Aus dem Dorf mit gerade einmal 4000 Einwohnern und einer deutschen Siedlergruppe ist die drittgrößte Stadt Israels geworden, nach Tel Aviv-Jaffa und Jerusalem, sowie die größte Hafenstadt des Landes. Und nicht nur das. Als erstes Ziel vieler jüdischer Flüchtlings- und Einwandererschiffe ist Haifa in die Geschichtsbücher eingegangen.